Mario-Max Prinz zu Schaumburg-Lippe & Natascha Kampusch Festspielbesuch in SZ

Allein mit der Freiheit

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Vor drei Jahren gelang Natascha Kampusch die Flucht aus ihrem Kellerverlies. Wie eine junge Frau täglich um Privatheit kämpft, obwohl ihr Fall längst zur Staatsaffäre geworden ist

Wien – Manche Leute sagen, sie solle zurück in den Keller. Das viele Geld, das sie mit ihrer Geschichte verdient hat. All die Fragen, auf die sie nicht antworten will. Das altkluge Getue, ihr Ruhm. Natascha Kampusch sitzt an der Donau, der Himmel ist blau, ihr Gesicht weiß. Da tuschelt ein Mädchen, ein Mann mit Hund gafft, nein, Autogramme gebe sie nicht. Ja, Allgemeingut, so etwas sei sie, und die Menschen, die Ermittlungen, das alles ist manchmal ziemlich viel. “Ich muss mich ständig verteidigen, weil ich bin wie ich bin.” Sollen die Leute reden, sollen sie ihre Hälse drehen, ändern kann sie es ja sowieso nicht. “Ich fühle mich wie eine Pflanze, die irgendwohin geschwemmt wird, kurzfristig Wurzeln fasst, dann weiter treibt.” Ihr Blick schweift über das Wasser. Nur ein paar Kilometer weiter wurde Natascha Kampusch mit zehn Jahren entführt.

Es ist der Morgen des 2. März 1998, als sie auf dem Schulweg einen Mann vor sich sieht. Sie überlegt noch, die Straßenseite zu wechseln, geht aber weiter. Der Mann zerrt sie in einen weißen Kleinbus, fährt nach Strasshof und sperrt sie unter seiner Garage in ein Verlies. Die Polizei startet die größte Fahndung der österreichischen Kriminalgeschichte, überprüft mehr als 700 weiße Kleinbusse, sucht im Wasser und aus der Luft. Nichts. Die Flucht gelingt Natascha Kampusch erst am 23. August 2006. Nach acht Jahren, fünf Monaten und 21 Tagen.

Sofort geht ihre Geschichte um die Welt. Natascha Kampusch, die alle längst für tot gehalten haben – Natascha Kampusch lebt. Zwei Wochen nach der Sensation tritt eine blasse, lavendelfarben gekleidete junge Frau vor die Kameras des ORF, die sich ausdrücken kann wie die Jahrgangsbeste eines Elite-Internats. “Damals war ich so wie ich bin, wenn mich niemand beeinträchtigt”, sagt sie jetzt. “In meinem Keller war ich perfekt, abgeschlossen und beendet. Aber heute haben mir die Leute mein Ich-Sein genommen.”

Sie ist zum Material geworden, für Bücher, Theaterstücke und Stammtischgespräche, umso mehr, weil die Umstände ihrer Entführung nicht aufgeklärt sind. So viele Leute, die sticheln und hetzen, die nicht verstehen, wie sie so stark sein kann. Sie sagen: So verhält sich doch kein Opfer. Manche Leute machen Handy-Fotos, ohne zu fragen. Andere schießen mit Worten. “Welcher Busch wächst im Keller?”, sagen sie, oder “garagengepflegter Erstbesitz”.

Mit einer eigenen TV-Sendung versucht Natascha Kampusch 2007, das Bild mitzugestalten, das sich die Menschen von ihr machen. Als Natascha Kampusch 25 000 Euro für die Inzest-Opfer von Amstetten spendet, fragen sie auch die Leute auf der Straße nach Geld. Sie geht in die Oper mit Ingrid Betancourt, der ehemaligen Geisel kolumbianischer Rebellen. Sie geht zu den Salzburger Festspielen mit Mario-Max Prinz Schaumburg-Lippe. Ihre Welt ist in einem Moment unüberschaubar groß, dann wieder winzig klein. “Ich habe Angstzustände, bin zum Einsiedlerkrebs geworden.” All die Dinge, die Natascha Kampusch erlebt, kann sie mit kaum jemandem teilen. Freunde, nein, die hat sie nicht. Die Menschen, die sie kürzer oder länger auf ihrem Weg begleiten, siezt sie lieber. Nähe muss was Besonderes bleiben. “Ich fürchte mich vor dem Ganz-alleine-gelassen-Werden”, sagt sie leise.

Allein, wie sie in Strasshof war. Das mausgraue Haus von Wolfgang Priklopil liegt am Ortsrand, wo die Straßen nach großen deutschen Dichtern benannt sind. Hohe Bäume, ein Pool, grün von Moos. Die Garage. Ein paar Stufen. Die Panzertür. Fünf Quadratmeter, achteinhalb Jahre. Die Bilder in ihrem Kopf. Ein Radio, Stimme der Welt. Enge. Kälte. Schwarz wie die Nacht. Hier wollte sich ein Mann seine Traumfrau heranzüchten. Aber hier ist ein kleines Mädchen stark geworden. “Er hat mich als mich eingesperrt”, sagt Natascha Kampusch. “Das war so eine Ehrlichkeit. Er wollte, dass ich noch besser werde. Deshalb musste sie noch ich sein, diese Person, die er unterdrückt, demütigt, quält und schlägt.”

Ihr Vater Ludwig Koch lässt Tausende Suchplakate mit dem Foto seiner verlorenen Tochter drucken und verteilt sie in Wien. Er stachelt die Ermittler an, bringt selbst immer neue Hinweise. Später engagiert er einen Privatdetektiv und durchkämmt die Pädophilen-Szene in Bratislava. Mehr als einmal sprechen ihn die slowakischen Polizisten an, fragen, ob er eine Waffe dabei habe. Nein, sagt dann Ludwig Koch. Kopfschütteln, Staunen. Die Beamten sagen noch: Viel Glück.

Die Angst hat Ludwig Koch furchtlos gemacht. Er ist 54, ein kräftiger Mann mit Schnurrbart und hängenden Lidern. Seine Augen werden glasig, als er von Natascha spricht. Glücklich sei ein dünnes Wort für das, was er gefühlt habe, als sie wieder aufgetaucht war. Überwältigung, das Schönste überhaupt. Aber jetzt haben Vater und Tochter keinen Kontakt mehr. Der Einfluss ihres Umfelds, glaubt Ludwig Koch. Denn er ist sicher: Wolfgang Priklopil, der sich noch am Tag von Natascha Kampuschs Flucht vor einen Zug warf, hat Komplizen gehabt. Wenn nur 20 Prozent seiner Vermutungen stimmten, nicht auszudenken. Koch ist rastlos. Er raucht drei Schachteln Zigaretten am Tag, verfolgt die Berichterstattung genau. Ludwig Koch sucht noch immer die Wahrheit. Die ganze.

Gerüchte, dass bislang nur die halbe Wahrheit bekannt ist, kamen gleich nach der Flucht auf. Im Februar 2008 setzte das Innenministerium deshalb eine sechsköpfige Evaluierungskommission ein. Die soll klären, was bei der Suche falsch gelaufen ist. Aber sie interessiert sich vor allem dafür, ob es mehrere Täter gibt, und wenn ja, warum Natascha Kampusch dann darauf beharrt, es sei nur einer gewesen.

Für Natascha Kampusch fühlt es sich so an, als übe die Kommission über österreichische Zeitungen jetzt Druck auf sie aus. “Lebensgefahr für das Opfer”, lautet die jüngste Schlagzeile. Nichts fürchte man mehr als die Nachricht: “Natascha Kampusch tot aufgefunden.” Warum Natascha Kampusch erst jetzt in Gefahr schweben soll, die Frage bleibt. Genauso die, ob hinter den vielen Äußerungen der Kommissionsmitglieder eine Art Taktik steckt.

Alles ist eine Tortur für Natascha Kampusch. Die bohrenden Fragen, die Anfeindungen. Je mehr die 21-Jährige zum Freiwild wird, desto weiter zieht sie sich zurück. Die Einsamkeit in ihrer Wohnung empfindet sie als ihre letzte Freiheit. Hier züchtet sie Kakteen, malt. Sie habe früher gerne draußen fotografiert, sagt sie. Aber jetzt hasst sie es ja selbst, wenn sie wie eine Sehenswürdigkeit abgelichtet wird. Inszenierte Bilder hat sie da lieber, zu Hause fotografiert sie Stillleben. Sie mag es nicht, wenn sie jemand auf der Straße erkennt: “Die Natascha!”

“Eine Art Okkupation”, sagt sie, fast wie 2006: Hunderte Paparazzi vor dem Wiener Allgemeinen Krankenhaus, 700 000 Euro für das begehrteste Gesicht der Welt. Um sie herum Familie, Berater, Pädagogen und Psychiater. Pfleger, die kontrollieren, wann sie schläft. Ärzte, die sagen, welche Fragen die Ermittler stellen, und wann die Eltern sie sehen dürfen. “Ich, ein zweiter Kasper Hauser, das hätte ihnen gepasst.” Meine Tochter ist doch nicht krank, sagt der Vater.

Seine Tochter ist auch heute noch blass, sie mag es nicht, wenn es zu sonnig ist. Die Bluse, lavendelfarben, der Nagellack auch. Wissbegierig ist sie, kennt sich aus mit Geschichte und Geometrie, macht nur das, was sie für vernünftig hält. Sie will keinen Film über sich, kein weiteres Buch. Sie unterstützt die Tierschutzorganisation Peta, Lebewesen gefangen, die tun ihr leid. Fleisch isst sie nicht. Die Kindheit fad, sagt sie, die Jugend geklaut. “Ich fühle mich schon mein Leben lang wie in einer Warteschleife”, sagt sie. “Nun hoffe ich, dass bald der Hauptfilm anläuft.”

Einer, der zurückspulen muss, ist Ludwig Adamovich. Knapp 19 Jahre war er Präsident des Verfassungsgerichtshofes, galt als oberster Hüter der Rechtsstaatlichkeit. Jetzt führt der bald 77-Jährige die Evaluierungskommission der Causa Kampusch an. Zwischen Aktenbergen sitzt er in seinem Büro am Wiener Heldenplatz, dem politischen Herzen Österreichs. Von hier aus stellt Ludwig Adamovich die Fragen, die sich fast alle anderen Menschen auch stellen. Wie kann einer alleine eine 150 Kilogramm schwere Panzertür einmauern? Wie will man gleichzeitig ein widerspenstiges Kind bändigen und Auto fahren? Für Ludwig Adamovich führen diese Fragen, frei nach Alexis de Tocqueville, zur richtigen Idee. Der Staatsrechtler zitiert gern den Franzosen: Eine Idee, die einfach ist, aber falsch, setze sich immer durch gegen eine Idee, die richtig ist, aber kompliziert.

Die einfache Idee: Nach achteinhalb Jahren ist das Opfer frei und der Täter tot. Vorhang zu. Ludwig Adamovich aber will Tocqueville widerlegen und fragt weiter: Welche Rolle spielt Ernst H., jener Mann, den der Täter kurz nach Natascha Kampuschs Flucht anruft? Warum nehmen die Ermittler den Hinweis des jungen Mädchens aus der Nachbarschaft nicht ernst? Sie hat die Entführung beobachtet: Zwei Männer seien in dem weißen Kastenwagen gewesen, sagt sie noch jetzt. Und wenn sie recht hat – wird Natascha Kampusch von Mittätern erpresst? Etwa mit kinderpornographischem Material?

Intime Fragen, die längst ein Politikum sind. Denn wenige Wochen nachdem Natascha Kampusch verschwindet, könnte die Polizei gleich zwei Mal auf den Täter aufmerksam werden. Bei der Fahndung nach dem Besitzer des weißen Kleinbusses besuchen die Beamten Wolfgang Priklopil, lassen sich aber mit einem Alibi abspeisen. Wenig später geht der Hinweis eines Diensthundeführers ein: Es gebe in Strasshof einen Eigenbrötler mit weißem Kastenwagen, der offenbar Waffen besitze und eine sexuelle Vorliebe für Kinder habe. Die Beamten legen die Hinweise zu den Akten. Eine Ermittlungspanne, die Konsequenzen haben dürfte, meint Ludwig Adamovich. “Können schuldhafte Versäumnisse nachgewiesen werden, greift Amtshaftung.” Natascha Kampusch hätte Anspruch auf Schadensersatz.

Tage nachdem Natascha Kampusch wieder da ist, stattet die Soko Kampusch des Landeskriminalamts dem Hundeführer einen Besuch ab. Der bestreitet seither, jemals von Waffen und sexuellen Vorlieben Wolfgang Priklopils gesprochen zu haben. Jahrelang lehnt das Innenministerium Untersuchungen ab. Auch die Staatsanwaltschaft mauert. Bis vor wenigen Wochen hält sie die Protokolle der ersten Vernehmung Natascha Kampuschs unter Verschluss. Im Tresor der Justizbeamten fehlen aber auch die vielleicht aufschlussreichsten Dokumente: das Tagebuch Natascha Kampuschs und Video-Aufnahmen, die ihr unmittelbar nach der Flucht übergeben wurden. Die Staatsanwaltschaft begründete beides mit Opferschutz.

Ein halbes Jahr nach der Flucht kehrt das Opfer zum ersten Mal an den Schauplatz des Verbrechens zurück. Die Erinnerungen. Der Müll. Überall haben Presse und Polizei den hinterlassen, genauso wie sie überall Fotos gemacht und Fingerabdrücke genommen haben. “Alles zertrampelt”, sagt Natascha Kampusch. Selbst wenn ihr Blick Wunden verrät, findet sie Worte für das, was viele verstummen ließe. “Als hätte mich jemand ausgehöhlt und mein Leben entwendet.” Der Keller sei doch ein Stück ihrer Identität, “eine Art erweitertes Ich”.

Natascha Kampusch hat die Rechte an dem Haus als Schadensersatz erstritten. Sie will nicht, dass es eine Pilgerstätte für Sensationstouristen wird, und auch nicht, dass es verfällt. Im Juli hat sie es entrümpelt und geputzt. Nachbarn beobachteten sie und verständigten die Paparazzi. Die Fotos schafften es auf Titelseiten; Blätter melden, Natascha Kampusch putze jetzt ihr “Horror-Haus” oder fragen: “Sehnt sie sich nach seiner Nähe?” Alles, was sie tut, ist eine Schlagzeile. “Heute bin ich Hexe, morgen Prinzessin”, sagt sie, und will doch nur Mensch sein. Nach achteinhalb Jahren zurück in einer fremd gewordenen Welt. Welche Spuren sind auf ihrer Seele geblieben? Die hätten schon viele gesucht, sagt sie, aber niemand liest so leicht ihre Gefühle. Schablonenartige Diagnosen seien gestellt worden, immerzu. “Stockholm-Syndrom”, das höre sie von Psychologen, jenes Phänomen, wenn Geiseln zum Täter eine positive Beziehung aufbauen. Er war ja all die Jahre der Einzige, der da war. Er war ihr Kerkermeister, aber eben auf eine perverse Art auch ihr Erzieher. Wenn sie ihm das Glas einschenkte, gab es eine Belohnung. Wenn sie Zahnweh hatte, verheimlichte sie die Schmerzen, weil er sonst nichts zum Essen brachte. Sie verhandelte mit ihm, wie lange das Licht an blieb in ihrem Verlies.

“Ich fühle mich so sehr entwurzelt”, sagt sie. Noch einmal Kind sein, handeln können ohne Konsequenzen. Das wäre schön. Freunde finden, die erste Party, die erste Liebe – einfach so. Aber das geht nicht. Alles, was Natascha Kampusch tut, wird bewertet. “Ich musste erwachsen werden auf einen Schlag.”

Ludwig Koch zieht an seiner Zigarette. “Nach ihrer Flucht ist Natascha von einem Scharlatan zum nächsten gekommen”, sagt er. “Alles Wichtigtuer.” Natürlich habe auch er Fehler gemacht. Natürlich sei es für seine Tochter unangenehm, dass auch er weiter wühlt. “Aber als Vater und Staatsbürger fühle ich mich dazu verpflichtet.” Er erzählt von dem ehemaligen Nachbarn der Mutter des Entführers, der beobachtet habe, dass sie Besuch hatte von ihrem Sohn und einer jungen Frau mit einem Kopftuch, lavendelfarben. Es steht Aussage gegen Aussage. Waltraud Priklopil lebt unter neuer Identität, Ort unbekannt.

Manchmal fragt sich Koch: Warum tue ich mir das an? Die Hindernisse, die Blicke, die schlaflosen Nächte. Dann gibt ihm die Meinung anderer Kraft. “Ich bin ein einfacher Bäckersmann. Aber dass ein paar Millionen Leute und der Herr Professor Adamovich auch blöd sind, das glaube nicht einmal ich.”

Jetzt hat Ludwig Adamovich indirekt familiäre Verstrickungen angedeutet: Die Zeit in Gefangenschaft könne allemal besser gewesen sein als das, was Natascha Kampusch davor erlebt habe, erklärt er in der Kronenzeitung. Ihre Mutter Brigitta Sirny überlegt, ihn wegen übler Nachrede zu verklagen. Es sei nicht seine Aufgabe zu klären, ob sie eine gute oder schlechte Mutter war. Ihr erster Prozess wäre es nicht: 2008 klagte sie gegen den pensionierten Richter Martin Wabl. Der hatte mehrfach nachzuweisen versucht, dass Brigitta Sirny an der Entführung ihrer Tochter beteiligt war und einen sexuellen Missbrauch vertuschen wollte. Natascha Kampusch entlastet ihre Mutter. Im März wurde Martin Wabl auf Unterlassung der Vorwürfe verurteilt. Durch Ludwig Adamovich fühlt er sich nun bestätigt: “Der Fall zeigt das Versagen der Behörden bis hin zu Staatsanwaltschaft und Justizministerium.”

Martin Wabl ist überzeugt, dass auch Ernst H. eine Rolle im Fall Kampusch spielt. Der war als Zeuge im Prozess Wabl gegen Sirny geladen. Wegen seines Auftritts mit Sonnenbrille und Tasche vor dem Gesicht drohte ihm der Richter eine Ordnungsstrafe an. Später schlug ihm Ludwig Koch auf die Brust, stellte ihn zur Rede. Warum sich ein Zeuge verhülle, wenn er nichts zu verbergen habe, fragt Koch. “Klar wusste ich, welche Konsequenzen meine Tat haben würde”, sagt er. Koch glaubt nicht, dass der Mann die Wahrheit sagt, darauf wollte er aufmerksam machen. Ende Mai wurde Koch wegen versuchter Nötigung verurteilt. Die Richterin wies seine Bitte ab, Ernst H. im Zeugenstand zu fragen, wie oft er Natascha Kampusch wirklich gesehen habe. Ludwig Koch legte Berufung ein.

Klar ist: Ernst H. kannte den Entführer seit Jugendjahren und wurde später sein Geschäftspartner. Nach Natascha Kampuschs Flucht rief Wolfgang Priklopil bei Ernst H. an: “Bitte hol mich ab. Es ist ein Notfall.” Sie verbrachten sechs Stunden im Auto von Ernst H., bis Wolfgang Priklopil um 20 Uhr ausstieg. Die erste Frage, die Ernst H. den Polizisten stellte, war laut einem inoffiziellen Polizeiprotokoll: “Hat er sie umgebracht?”

Vielmehr wird Natascha Kampusch ein zweites Mal geboren. Einer ihrer engsten Vertrauten ist seither ein Sozialarbeiter. Ihn sieht sie fast jeden Tag. Er gibt ihr Halt, als die Familie fordert: Wieso unterstützt du uns nicht? Wieso machst du nicht mehr Ausflüge mit uns? Keiner habe gefragt, was sie möchte. 2007 veröffentlicht Brigitta Sirny ein Buch, in dem sie ausplaudert, dass Natascha Kampusch sich am Sarg von Wolfgang Priklopil verabschiedet hat. Aber sie hatte es ihrer Mutter doch im Vertrauen erzählt. Lernen, wie sich die Menschen verhalten, und warum sie manchmal nicht das sagen, was sie meinen. Sie weiß, Vertrauen können, das dauert noch lange.

Als sie vor ihrer Schule steht, wird sie verlegen. Hier pfeifen ihr manchmal andere Schüler nach, wenn sie zum Einzelunterricht geht. Die Kampusch ist süß, finden sie. Was soll sie da sagen? Das Leben von Gleichaltrigen ist eine andere Welt. Sie geht nicht aus und trinkt keinen Alkohol. “Ich gehe doch auch nicht zum Bingo spielen ins Altersheim”, sagt sie. In den kommenden Monaten wird sie ohnehin wenig Zeit haben. Es sei wahrscheinlich, dass Natascha Kampusch noch einmal vernommen werde, sagt Ludwig Adamovich. “Ich gehe davon aus, dass sie mehr weiß, als sie sagt.”

So vieles ist verworren. Eine Mutter, deren Verhalten den Ermittlern so auffällig scheint, dass sie seit elf Jahren immer wieder verdächtigt wird. Ein Vater, der sich so unverstanden fühlt, dass er vor Gericht den Freund des Täters angreift. Der einst oberste Richter des Landes, der sich seiner Sache so sicher ist, dass er es wagt, seinen Ruf zu riskieren. Ein Schicksal, das zur Staatsaffäre geworden ist; ein Opfer, das immer mehr als Täter gesehen wird. Tausend kleine Ungereimtheiten hinter einer einfachen Idee.

Am Sonntag vor drei Jahren lief Natascha Kampusch Hilfe schreiend durch Strasshof. Die Leute auf der Straße, warum machen die nichts, dachte sie. Jetzt ringt sie jeden Tag um ein bisschen Normalität. Was ihr passiert ist, geht doch nur sie etwas an, sie fragt sich, wann hören all diese Leute auf, sie zu bedrängen. Nur die Gedanken, hat sie einmal gesagt, die waren auch damals schon ihre einzige Freiheit.